2026
Rede von Nermin Kirilova, Mutter von Kıymet (Katya) Zhilova, Solingen, 25. März 2026
(1) HEUTE BIN ICH HIER – VOR DIESEM HAUS
Heute bin ich hier, vor diesem Haus.
Hier, wo man mir alles genommen hat.
Hier, wo in jener Nacht das Feuer eine Familie vernichtete.
Hier, wo ihre letzten Schreie verhallten.
Die Hilferufe.
Die Schreie der Angst.
Die Schreie von Menschen, die leben wollten.
Hier verbrachte meine Tochter Katja ihre letzten Minuten.
Hier atmete mein Schwiegersohn Kancho seinen letzten Atemzug.
Hier waren die letzten Schreie meiner kleinen Enkelinnen – Galia und Emili.
Ein Mann ohne Herz …
ohne Gewissen …
nahm ohne mit der Wimper zu zucken vier Leben.
25.03.2024.
An jenem Tag riss das Feuer meine Familie aus dem Leben.
An jenem Tag starben
meine Tochter Katja,
mein Schwiegersohn Kancho,
und meine beiden kleinen Enkelinnen – Galia und Emili.
An jenem Tag …
starb auch ich. Ich bin nicht im Grab.
Aber mein Herz ist hier geblieben.
In diesem Haus.
In jenem Feuer.
In jener Nacht.
Manchmal stelle ich mir ihre letzten Minuten vor.
Wie sie um Hilfe schrien.
Wie sie nach einem Ausweg suchten.
Wie sie versuchten, sich zu retten.
Wie sie sich aneinander klammerten.
Und dieser Gedanke wird mich mein Leben lang begleiten.
(2) WIE LEBT MAN DANN WEITER?
Viele fragen mich:
Wie lebt man danach weiter?
Wie lebt man, wenn man seine Tochter, seinen Schwiegersohn und seine beiden kleinen Enkelinnen in einer Nacht verliert?
Wie lebt man, wenn man vier Leben begräbt?
Die Wahrheit ist…
dass man nicht mehr so lebt wie zuvor.
Man wacht morgens auf.
Und der Schmerz kommt wieder.
Und so – jeden Tag.
Leere Zimmer.
Leere Stühle.
Leere Umarmungen. Doch eine Mutter atmet weiter.
Sie geht weiter.
Nicht weil sie stark ist.
Sondern weil sie keine andere Wahl hat.
Ich lebe, um ihr Andenken zu bewahren.
Ich lebe, um für sie zu sprechen.
Ich lebe, um die Wahrheit zu suchen.
Meine Tochter Katja,
mein Schwiegersohn Kancho,
und meine beiden kleinen Enkelinnen – Galia und Emili,
verdienen es, in Erinnerung zu bleiben.
Und solange ich atme,
werde ich für sie sprechen.
Solange ich atme,
werde ich Gerechtigkeit suchen.
Denn eine Mutter kann durch Schmerz zerbrechen…
aber sie wird niemals aufhören, ihre Kinder zu lieben.
Zwei Jahre des Schweigens,
trennen mich von jenem Tag, als der Himmel plötzlich schwarz wurde.
Wie lebt man danach weiter, sag mir?
Wie atmet man, wenn die Luft verdunstet?
Meine Hände sind leer, mein Zuhause ist still,
und die Erinnerung brennt nachts unaufhörlich.
In einem fernen Land, in einem kalten Land,
nahm das Feuer sie gnadenlos und stumm.
Ein Mann, verblendet von Hass,
beschloss, dass Fremde keinen Platz unter uns haben.
Doch ich will keine Rache,
ich will die Wahrheit.
Ich will keinen neuen Hass,
ich will Gerechtigkeit.
Denn Hass gebiert nur Asche,
und Asche bringt keine Kinder zurück.
Ich will, dass ihre Namen in Erinnerung bleiben,
nicht in der Dunkelheit verborgen.
Wenn jemand schwieg,
wenn jemand Spuren verwischte –
möge sein Gewissen wiegen,
wie vier Kreuze auf mir.
Zwei Jahre lang habe ich mit den Fragen gelebt.
Zwei Jahre lang habe ich zum Himmel gesprochen.
Und jeden Tag flüsterte ich:
„Mama erinnert sich an dich. Oma wartet in ihrem Herzen auf dich.“
Wir werden unseren Schmerz teilen,
damit sie nicht allein gelassen wird.
Wir werden Gerechtigkeit mit Licht suchen,
und nicht mit neuer Dunkelheit.
Denn ich bin eine Mutter. Und selbst gebrochen stehe ich noch.
Für sie.
Für die Wahrheit.
Für Gerechtigkeit.
(3) ICH FRAGE DIE POLIZEI
Wie konnte so etwas passieren?
Wie kann es sein, dass ein Mensch mit so vielen Vorstrafen
nicht rechtzeitig gestoppt wurde?
Wie kann es sein, dass es Warnsignale gab,
dass es bereits Brandstiftungen gegeben hatte,
und niemand ihn aufgehalten hat?
Ich frage die Polizei –
wo wart ihr?
Warum habt ihr das nicht verhindert?
(4) ÜBER DIE FEHLER, DIE LEBEN TÖTETEN
Während des Prozesses wurde mir etwas klar, das mich erschütterte.
Der Mann, der dieses Brandanschlags beschuldigt wurde, war der Polizei kein Unbekannter.
Schon vor der Tragödie hatte er eine lange kriminelle Vergangenheit –
viele verschiedene Straftaten und etwa 1.500 Einträge in seiner Akte.
Es hatte bereits andere Brandstiftungen gegeben.
Doch trotz allem wurde er nicht einmal ernsthaft befragt.
Dieses Nichthandeln ist nicht nur ein Fehler –
es hat den Weg für eine neue Tragödie geebnet.
Und noch viel schlimmer:
Während der Ermittlungen wurden gravierende Fehler begangen.
Viele Beweismittel wurden nicht geprüft.
Viele wichtige Fragen blieben unbeantwortet.
Die Polizei nahm die früheren Fälle und seine Akte nicht ernst.
Der ganze Fall wurde nicht ernst genommen.
Vier unschuldige Leben wurden ausgelöscht,
und der Prozess wurde mit Spott, Lügen und Gelächter geführt.
Das hat mich zutiefst getroffen –
so tief, dass der Schmerz in mir unerträglich ist.
Meine Kinder haben das nicht verdient.
Als Mutter stelle ich mir jeden Tag diese Frage:
Hätte die Polizei diesen Fall ernst genommen …
wären die vorherigen Brandstiftungen ordnungsgemäß untersucht worden …
wäre dieser Mann rechtzeitig gestoppt worden …
säße er vielleicht im Gefängnis.
Und vielleicht wären heute
meine Tochter Katja,
mein Schwiegersohn Kancho,
und meine beiden kleinen Enkelinnen – Galia und Emili
noch am Leben.
Dies ist ein Gedanke, den ich mein Leben lang im Herzen tragen werde.
Ich will kein Schweigen.
Ich will die Wahrheit.
Und ich will Gerechtigkeit für meine Familie.
Denn wenn Institutionen den Täter nicht rechtzeitig stoppen,
zahlen die Unschuldigen die Zeche.
(5) ZUM EIGENTÜMER UND ZUR VERANTWORTUNG
Ich stimme der Entscheidung des Gerichts nicht zu.
Es heißt, die Angeklagte habe das Haus wegen eines schlechten Verhältnisses zur Eigentümerin in Brand gesteckt.
Aber ich frage:
Welches Verhältnis?
Diese Frau wohnte nicht in diesem Haus.
Weder sie noch jemand aus ihrem Umfeld.
In diesem Haus lebten nur Menschen,
die dort arbeiteten und friedlich lebten.
Familien.
Kinder.
Meine Tochter Katja wusste nichts.
Mein Schwiegersohn Kancho wusste nichts.
Meine kleinen Enkelinnen Galia und Emili wussten nichts.
Sie glaubten, sie seien in Sicherheit.
Aber ich frage:
Warum hat sie ihnen nicht die Wahrheit gesagt?
Warum hat sie nicht gesagt, dass es bereits einen Brandanschlagversuch gegeben hatte?
Warum sagte sie stattdessen, es sei „durch Kabel“ entstanden?
Warum hat sie die Gefahr verschwiegen?
Vor dem Brandanschlag sagte sie nur:
Das ist alles. Aber was bedeutet diese Warnung,
wenn die Wahrheit verschwiegen wurde?
Was wusste sie?
Wovor hatte sie Angst?
Und drinnen…
waren Menschen.
Familien.
Kinder.
Meine Kinder.
Eine ehrliche Warnung hätte ein Leben retten können.
Ein ehrliches Wort hätte etwas bewirken können.
Aber dieses Wort wurde nicht gesprochen.
Zwei Jahre vergingen.
Zwei Jahre voller Schmerz.
Zwei Jahre voller Fragen.
Zwei Jahre des Schweigens.
Und in all der Zeit…
sagte sie kein einziges Mal „Mein Beileid“.
Kein einziges Wort.
Kein einziges Zeichen von Menschlichkeit.
Wie ist das möglich? Lass sie nur einen Moment lang denken…
dass es ihre Kinder waren.
Hätte sie dann geschwiegen?
Ich glaube es nicht.
Denn eine Mutter schweigt nicht,
wenn das Leben ihrer Kinder in Gefahr ist.
Eine Mutter schreit.
Warnt.
Kämpft.
Bis zum letzten Atemzug. Deshalb frage ich mich: Warum gab es keine Stimme für meine Kinder?
Sie waren nicht ihre … aber sie waren mein Ein und Alles.
Und jemand muss die Verantwortung dafür übernehmen.
Und trotz allem
… stehe ich hier.
Mit meinem Schmerz. Mit meinen Fragen. Mit meiner Liebe. Weil ich eine Mutter bin.
Und ich werde nicht aufhören, nach der Wahrheit zu suchen. Ich werde nicht aufhören, nach Gerechtigkeit zu suchen. Für Katya. Für Kancho. Für Galia. Für Emili.
Ich möchte danken … allen, die bei uns sind.
Allen, die uns nicht vergessen haben.
Allen, die uns unterstützen.
Allen, die unseren Schmerz teilen.
Rede von Nihat Kostadinchev, Überlebender des Brandanschlags, Solingen, 25. März 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,
heute, am 25. März stehen wir hier, um an die vier Verstorbenen zu erinnern.
Für mich und meine Familie ist dieser Tag kein Datum wie jedes andere. Es ist der Tag, an dem sich unser Leben für immer verändert hat.
Am 25. März 2024 wurde in der Grünewalder Straße 69 ein Brandanschlag auf unser Haus verübt. Genau hier. Vier Menschen aus meiner Familie wurden dabei getötet. 21 weitere Bewohnerinnen und Bewohner wurden teilweise schwer verletzt und teilweise schwer verbrannt.
Die Verstorbenen waren Angehörige meiner Familie. Sie waren meine Cousine, mein Cousin und meine beiden kleinen Nichten:
Elis – Emily – ist das jüngste Opfer. Sie wurde nur fünf Monate alt.
Gizem – Galia – wurde nur drei Jahre alt.
Ihre Eltern, İsmail – Kancho – Emilov Zhilov und Kıymet – Katya – Todorova Zhilova, waren beide 28 Jahre alt.
Alle waren noch sehr jung und hatten ihr Leben noch vor sich. Alle vier kamen qualvoll bei diesem Brand ums Leben.
Die ermordete Familie Zhilovi war erst wenige Wochen vor der Tat aus Bulgarien nach Deutschland gezogen – in der Hoffnung auf Stabilität, Sicherheit und eine gemeinsame Zukunft. Diese Hoffnung wurde auf grausame Weise zerstört.
Mein Name ist Nihat Kostadinchev.
Ich lebte damals mit meiner Frau Ayşe und unserem sieben Monate alten Sohn im dritten Obergeschoss des Hauses hier.
Nachdem der Täter mehrere Brandsätze im Treppenhaus gelegt hat, breitete sich das Feuer wie durch einen Kamineffekt innerhalb kürzester Zeit über das gesamte Treppenhaus aus. Jegliche Fluchtwege waren blockiert.
Während sich einige Bewohnerinnen und Bewohner aus den unteren Geschossen mit Rauchgasvergiftungen retten konnten, breiteten sich die Flammen unaufhaltsam in die oberen Etagen aus.
Meine Frau Ayşe weckte mich, als sie die Schreie meiner Familie über uns hörte. Um dem nachzugehen, öffnete ich die Wohnungstür. Da kam mir dunkler Rauch entgegen. Ich konnte nichts mehr sehen.
Wir mussten irgendwie die Wohnung verlassen. Aber es war unmöglich. Wir waren gefangen. Wir hatten keine Zeit zum Überlegen. Wir hatten Angst. Wir hatten Panik. Die Flammen umzingelten uns. Das Feuer brannte bereits an unseren Körpern.
Ohne lange nachzudenken wickelte ich meinen kleinen Sohn in eine Decke und ging zum Fenster. Wegen des dichten schwarzen Rauchs konnte ich kaum etwas sehen.
Ich sagte nur zu meiner Frau Ayşe: „Ich springe. Spring nach mir.“
Dann ließ ich mich aus 17 Metern Höhe fallen. Damit mein Kind überleben konnte, ließ ich mich bewusst auf den Rücken fallen.
Man erzählte mir später, dass Sanitäter mich direkt nach dem Aufprall vom Autodach genommen und versorgt hätten. Im selben Moment sprang auch meine Frau und prallte ebenfalls hart auf dem Autodach auf. Das Auto gehörte meinem Cousin İsmail. Sein Auto rettete unser Leben.
Wir wurden sehr schwer verletzt und lagen mehrere Wochen im Krankenhaus. Meine Verletzungen waren so schwer, dass ich während ich im Koma lag mehrfach reanimiert werden musste.
Auch Ayşe war schwer verletzt. Beim Aufprall schlug ihr Kopf so hart gegen die Kante des Autodachs, so dass sie mehrere Skalpierungsverletzungen am Kopf erlitt. Es waren sehr schwere Kopfverletzungen.
Unsere Eltern bangten lange um unser Leben.
Der Täter, der unser Haus in Brand setzte, wurde erst zwei Wochen nach dem Anschlag gefasst – nachdem er seinen langjährigen besten Freund mit einer Machete angegriffen hatte.
Doch die Folgen dieses Anschlags endeten nicht mit dem Feuer in dieser Nacht. Auch lange danach mussten wir erleben, wie schwer der Weg zurück in ein normales Leben ist.
Etwa ein Jahr nach dem Anschlag erhielten meine Frau und ich einen Brief, In diesem Brief stand, dass die Ausländerbehörde festgestellt habe, dass wir unser Freizügigkeitsrecht verloren hätten. Uns wurde mit diesem Brief mitgeteilt, dass wir abgeschoben werden. Für uns war das ein Schock.
Wir hatten gerade erst überlebt. Wir hatten schwere Verletzungen erlitten. Wir kämpften jeden Tag damit, wieder auf die Beine zu kommen.
Aufgrund der Folgen des Brandanschlags und des Sprungs aus dem Fenster sind meine Frau und ich bis heute körperlich eingeschränkt. Wir konnten zu dieser Zeit und können auch in der Gegenwart keiner Arbeitstätigkeit nachgehen, weil wir körperlich durch den Anschlag immer noch eingeschränkt sind. Statt Unterstützung zu bekommen, mussten wir plötzlich Angst haben, unser Zuhause zu verlieren und abgeschoben zu werden – aus dem Land, in dem unsere Familie gerade Opfer eines so schrecklichen Verbrechens geworden war.
In einem Moment, in dem wir eigentlich Schutz und Unterstützung gebraucht hätten, fühlten wir uns allein gelassen.
Ich stehe heute hier als einer der Überlebenden. Und ich möchte etwas sagen, das uns seit diesem Tag nicht mehr loslässt: Wir haben nicht nur vier Menschen verloren. Wir haben eine ganze Zukunft verloren.
Elis und Gizem hätten lachen, lernen und aufwachsen sollen. Sie hätten ihr Leben noch vor sich haben sollen. İsmail und Kıymet wollten ihren Kindern ein sicheres Leben ermöglichen. Sie wollten arbeiten, eine Zukunft aufbauen und ihren Kindern eine bessere Zukunft geben.
Stattdessen wurden sie in ihrem eigenen Zuhause ermordet. Für das, was passiert ist, gibt es keine Worte.
Die Trauer ist jeden Tag da. Sie begleitet uns morgens, wenn wir aufwachen, und abends, wenn wir versuchen zu schlafen. Und wir wissen: Sie wird bleiben.
In Solingen, aber auch außerhalb von Solingen, insbesondere in der migrantischen Community weckte diese Tat schmerzhafte Erinnerungen an frühere rassistische Anschläge in Deutschland – insbesondere an den Brandanschlag von Solingen im Jahr 1993 und den Brandanschlag aus dem Jahr 2021.
Die Kammer verurteilte den Täter vom Anschlag hier zu lebenslanger Freiheitsstrafe mit anschließender Unterbringung in der Sicherungsverwahrung und stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest.
Während des Prozesses kam jedoch ans Licht, dass der Täter zwischen 2022 und 2024 für drei Brandanschläge in Solingen sowie einen weiteren in Wuppertal verantwortlich war. Der Täter hat am 9. November 2022 schon einmal das Haus hier in der Grünewalder Str. 69 in Brand gesetzt. Im Februar, nur ein Monat vor der Tat mit vier Toten hat der Täter auf der Josefstr. In Solingen versucht ein Haus in Brand zu setzten, in dem er mehrere Liter Benzin im Treppenhaus verschüttete und diese anzündetet. Durch Glück erlosch das Feuer von selber. In allen Mehrfamilienhäuser wohnten überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund.
Schließlich hat der Täter zwei Wochen nach dem Anschlag auf unser Haus seinen langjährigen besten Freund mit einer Machete lebensgefährlich verletzt. Doch obwohl es viele Hinweise auf ein rassistisches Motiv gibt, erklärten Polizei und Staatsanwaltschaft früh, es gebe keine Hinweise darauf. Diese Einschätzung erwies sich später im Prozess als skandalös.
Im Verlauf des Prozesses kamen zahlreiche Indizien ans Licht, die auf eine rechte und rechtsextreme Gesinnung des Täters hinweisen.
In seinem Haus wurden Waffen, Brandsätze, NS-Devotionalien und ein rassistisches Hetzgedicht gefunden. Auf Datenträgern tauchten 166 rassistische, antisemitische und nationalsozialistische Inhalte auf. Auch private Chats enthielten offen rassistische Aussagen.
In der Google-Cloud des Täters fanden sich weitere Hinweise auf eine rechte Gesinnung. Er besuchte rechte bis rechtsextreme Kanäle wie Compact und hörte wiederholt NS-Reden, Lieder und Gesänge, in denen „Ausländer raus“ gefordert wurde.
Der Staatsschutz wertete dies vor Gericht jedoch entweder als „geschichtliches Interesse“ oder relativierte es mit der Formulierung: „Nicht jeder Konsument rechter Propaganda hat ein rechtes Weltbild.“
Viele dieser Hinweise wurden von den Ermittlungsbehörden zunächst nicht ausgewertet oder als irrelevant eingestuft. Zahlreiche Materialien wurden stattdessen dem Vater des Täters zugeordnet. Im Gericht wurde der Frage nicht nachgegangen, warum beim Täter von „geschichtlichem Interesse“ gesprochen wird, während dem Vater aufgrund der gefundenen und ihm zugeschriebenen NS-Devotionalien eine „tiefe innere Verbundenheit mit dem rechten Gedankengut“ attestiert wird.
Erst durch die Nachforschungen unserer Nebenklageanwältin Seda Başay-Yıldız wurden mehrere dieser Beweise überhaupt bekannt. So wurden beschlagnahmte Datenträger lange Zeit nicht untersucht. Ein Zeuge, der berichtete, der Täter habe bei dem Macheten-Angriff „Sieg Heil“ gerufen, wurde im Prozess nicht vernommen.
Darüber hinaus wurde ein interner Polizeivermerk, der den Anschlag zunächst als „rechtsmotiviert“ einstufte, später gestrichen und gelangte erst über ein Jahr später in die Akten. Wer diesen Vermerk vorgenommen und im Nachgang gestrichen hat, ist unklar.
Weitere Hinweise auf ein mögliches rassistisches Motiv ergaben sich aus früheren Konflikten des Täters mit Nachbarinnen und Nachbarn mit Migrationsgeschichte sowie aus einem Brand in Wuppertal im Jahr 2022, der ebenfalls mit ihm in Verbindung gebracht wird. Auch dieser Vorfall war zunächst nur oberflächlich untersucht worden. Trotz der Vielzahl an Indizien erkannte das Gericht kein rassistisches oder politisches Motiv an.
Für uns als Überlebende und Angehörige bedeutet das eine zusätzliche Belastung.
Wir kritisieren, dass der Anschlag dadurch als Einzelfall dargestellt wird und der gesellschaftliche Kontext rechter Gewalt ausgeblendet bleibt.
Viele Betroffene fühlen sich von staatlichen Institutionen nicht ernst genommen und sprechen von einem Verlust an Vertrauen in Polizei und Justiz.
Unser Fall steht exemplarisch für strukturelle Probleme im Umgang mit rechter Gewalt: unvollständige Ermittlungen, mangelnde Sensibilität gegenüber rassistischen Tatmotiven und fehlende unabhängige Kontrolle polizeilicher Arbeit.
Wir stehen heute hier, um zu erinnern.
Um die Namen der Opfer zu bewahren.
Für Elis.
Für Gizem.
Für İsmail.
Für Kıymet.
Wir stehen heute hier, damit ihre Namen nicht vergessen werden und damit diese Tat nicht in Vergessenheit gerät. Deshalb wünschen wir uns auch eine Gedenktafel an diesem Ort, die dauerhaft an das erinnert, was hier geschehen ist – an die Menschen, die wir verloren haben, und an das Leid, das dieser Anschlag hinterlassen hat: Trauer, Schmerz und Leid.
Bis heute – trotz gemeinsamen Gesprächen mit Betroffenen, der Opferberatung und dem Oberbürgermeister Daniel Flemm sind keine gemeinsamen Lösungen für eine Gedenktafel an diesem Ort umgesetzt worden.
Die Stadt trägt hier Verantwortung. Gerade an einem Tag wie diesem braucht es ein gemeinsames, sichtbares und verlässliches Gedenken – denn Erinnerung und Gedenken darf nicht spalten, sie muss verbinden.
Aber wir stehen auch hier, um weiter zu fordern, was uns zusteht:
Gerechtigkeit. Adalet.
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.
